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Der Buß- und Bettag : der neunte November ?

Die meisten kennen ihn noch: den anderen evangelischen gesetzlichen Feiertag neben dem Reformationsfest: Bis 1994 war der Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, nach dem Volkstrauertag, in der Bundesrepublik Deutschland ein Feiertag. Heute ist er es nur noch in Sachsen, und in Bayern fällt an diesem Tag die Schule aus. In allen anderen Ländern wurde er als allgemeiner Feiertag mit der Einführung der Pflegeversicherung abgeschafft; es ist aber weiterhin jedem Arbeitnehmer möglich, sich an diesem Feiertag unter dem Hinweis auf "religiöse Pflichten" frei zu nehmen. Dafür geht kein Urlaubstag verloren, aber das Gehalt für einen Tag. Auch in der DDR war der Buß- und Bettag bis 1966 ein allgemeiner Feiertag.

Der Name dieses Feiertages offenbart eine gewisse Ratlosigkeit: Von der Obrigkeit eingeführt, die sich davon möglicherweise etwas anderes versprach als das gemeine Volk, war er ein stiller Feiertag. Mitten im dunklen November zog es nur Wenige in die Kirche. Was sollte denn gebüßt werden, und wofür oder wogegen gebetet? Sollten die Untertanen umkehren, und wenn ja, wohin, oder sollten nicht eher die Regierenden ihr Tun und Lassen überdenken? Und überhaupt: Schrieb Luther nicht schon in der ersten der 95 Thesen, daß das Leben eines Christen eine ständige Buße sein solle? Müssen wir etwa durch einen besonderen Tag zum Beten ermutigt werden? Fördert das nicht Heuchelei?

Ich glaube, es hat durchaus Sinn, sich zu erinnern. Es macht viel Sinn, sich bei der Erinnerung Gott zuzuwenden. Dann aber braucht man einen Tag, an dem es etwas zu erinnern gibt. So ein Tag wäre für mich der neunte November:

  • 1848 wurde ein Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung in Wien erschossen,
  • 1918 riefen Karl Liebknecht und Philipp Scheidemann die deutsche Repulik aus, war das Kaiserreich am Ende und in Deutschland drohte ein Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und "friedlicheren" Bürgern. Der sozialdemokratische Minister schickte damals die Panzer gegen die streikenden Matrosen. Ist das der Grund für den Hass zwischen SPD und der "LINKEN"-Partei?
  • 1923 versuchte Hitler durch einen Putsch in München an die Macht zu kommen.
  • 1925 wurde die SS gegründet,
  • 1938 wurden in ganz Deutschland jüdische Versammlungshäuser und Geschäfte zerstört und Jüdinnen und Juden verprügelt oder gefangen genommen, auch in Nieder Weisel,
  • 1989 erlaubte der Ministerrat der DDR "Privatreisen in das Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen" - die Mauer war gefallen.
  • 1993 zerbrach die alte Brücke von Mostar unter dauerndem Beschuß im nach-jugoslawischen Bürgerkrieg. Serben und Kroaten wurden von mehreren anderen Staaten mit Waffen versorgt.
  • 2005 explodierten in drei Hotels in der jordanischen Hauptstadt Amman Bomben. Bisher galt Jordanien als frei von Fanatikern und als friedlicher Nachbar Israels.

Mit dem neunten November kann ich mehr anfangen als beispielsweise mit dem dritten Oktober oder dem Mittwoch der (vor)letzten Woche des Kirchenjahres.
Zwar kann man Büßen und Beten nicht verordnen. Und in Deutschland wohnen inzwischen mehr Menschen, die sich zu anderen Religionen bekennen oder zu keiner Religionsgemeinschaft gehören, als Evangelische. Aber gerade deshalb wäre ein Feiertag wie dieser gut für das ganze Land, denn wer mag, kann beten. Umkehren sollten wir sowieso. Egal, zu welchem Glauben wir uns halten.

(N. Kahl)

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