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Geschichte des Ortes und der Pfarrkirche
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Offen, aber klar erkennbar

Der alte Wehrturm aus dem 12. Jh.
Wuchtig steht sie da, die Kirche in Nieder-Weisel

Die Nieder-Weiseler legen Wert auf ein evangelisches Profil • Der Artikel von Annegret Rach erschien am 17.09.2006 in der Ev. Sonntagszeitung.

Von Nieder-Weisel nach Frankfurt schafft man es in einer knappen halben Stunde. Viele Nieder-Weiseler arbeiten in der Main-Metropole und haben ihren Wohnort vor allem wegen dessen Nähe zur Autobahn gewählt. Das bringt Zuzug und Veränderung in eine Gemeinde, deren Bewohner in der Region traditionell als stur gelten.
Der Pfarrer ist auch ein Zugezogener: Seit sechs Jahren arbeitet der gebürtige Westfale Carsten Tag in Nieder-Weisel. Zeit genug, um Lokalpatriotismus zu entwickeln: »Seinen« Kirchhof hält er für einen der schönsten, mindestens in der Wetterau. Auf dem höchsten Punkt liegt er mitten im Dorf, eingefasst von der Kirche mit ihrem romanischen Wehrturm, dem alten Schulhaus und dem neuen Gemeindehaus. Wer so etwas Schönes hat, findet der Pfarrer, muss andere daran teilhaben lassen. Als bekennender Schalke-Fan hat Tag hier schon zum gemeinsamen Fußball-Schauen eingeladen – lange, bevor die Kirchengemeinden zur WM das Wort »public viewing« buchstabieren lernten.
Natürlich kann er das theologisch begründen und spricht von: Kirche als »einladender Weggemeinschaft«.
Aber mitunter sagt er auch so pragmatische Sätze wie: »Schließlich zahlen die Leute Kirchensteuer.« Da sei es doch auch eine Verpflichtung für die Gemeinde, ihre schönen Räume möglichst häufig zu nutzen und zu öffnen. Die Übertragungen der Fußballweltmeisterschaft waren für die Kirchengemeinde jedenfalls ein Heimspiel: tolle Atmosphäre, viele Besucher, ein gelungenes Miteinander von Jung und Alt – und hinterher ein dickes Plus in der Kasse des Kindergarten-Spendenausschusses, der die Sache organisiert hatte.
Der evangelische Kindergarten ist fest eingebunden in die Gemeindearbeit und für den Pfarrer eine Quelle zahlreicher Kontakte. Alle zwei Jahre wird auch das Gemeindefest mit dem Kindergarten zusammen gefeiert, vorgeschaltet ist jeweils eine Kinderbibelwoche. Offen ist der Kindergarten für alle, doch: »Wo evangelisch draufsteht, soll auch evangelisch drin sein«, lautet das unausgesprochene Motto der religionspädagogischen Arbeit. Carsten Tag sagt es lieber anders: evangelisch profiliert heißt für ihn, »offene, aber klar erkennbare Hände haben.«

Nieder-Weisel ist das Zentrum der Johanniter

Evangelisches Profil zeigt Nieder-Weisel schon am Ortseingang, wo in der Mitte eines Kreisels weiß und rot auf den Asphalt gemalt das Kreuz der Johanniter prangt. Der kleine Butzbacher Stadtteil ist das geistliche Zentrum des Ordens in Deutschland. Seit 1963 gibt es hier den alljährlichen Ritterschlag, bei dem jüngst auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, in den Kreis der Ordensritter aufgenommen worden ist.
Unter dem derzeitigen »Herrenmeister« Oskar Prinz von Preußen trifft sich dann der deutsche Hochadel und bietet den Ortsbewohnern ein prächtiges Spektakel, wenn die Prozession schwarzgewandeter Männer mit dem achtspitzigen Kreuz auf der Brust in die 800-jährige Komturkirche einzieht. Denn das kleine Nieder-Weisel mit gerade mal 1500 Protestanten hat tatsächlich zwei bedeutende Kirchen. Die Komturkirche aus dem 12. Jahrhundert ist außerdem die einzige Kirche in Besitz des Johanniterordens.
»Aber u n s e r e ist noch älter«, beeilt sich Pfarrer Carsten Tag zu sagen. Da klingt heraus, dass die Beziehung zwischen Orden und Ortsgemeinde nicht immer spannungsfrei war. Zwar sind die Johanniter auch drei Jahrzehnte nach der Schließung ihres Krankenhauses noch die größten Arbeitgeber im Ort, doch gleichzeitig bildet der Orden eine Welt für sich. Das hat geschichtliche Wurzeln: Früher waren die Ordensleute die »Herren« im Ort. Ihnen gehörte das meiste Land und sie sahen sich eher als Standesorganisation denn als kirchliche Gemeinschaft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Untergang der adligen Standeskultur änderte sich jedoch das Selbstverständnis des Ordens. Heute sind die Johanniter in EKD und Diakonisches Werk eingebunden und auch in Nieder-Weisel sucht man vermehrt Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Immerhin verdankt es der Orden dem Gemeindepfarrer Wilhelm Kayser, dass die romanische Komturkirche 1866 vor dem drohenden Abbruch gerettet wurde. Heute wird der kunsthistorisch bedeutsame Bau auch von der Ortsgemeinde für gelegentliche Konzerte genutzt.

Gemeinde hat ganz auf Ökostrom umgestellt

Während das Verhältnis zum Johanniterorden insgesamt eher von vorsichtiger Distanz geprägt ist, sind Kindergarten und vor allem die Frauenkreise wichtige Impulsgeber für die Gemeindearbeit. Für die Älteren gibt es monatlich »Frühstück für alle«, doch es engagieren sich auch jüngere Frauen. Eine davon ist Ulli Scholz, die seit einigen Jahren ein kleines Kulturprogramm in der Gemeinde organisiert.
Sie ist in Nieder-Weisel geboren und bringt die ortsübliche Dickköpfigkeit mit. Die setzt sie dazu ein, Neues populär zu machen – auch wenn sie dafür 100 Telefonate führen muss. Mit zunehmendem Erfolg: Für ihr jüngstes Projekt, das Frauenkabarett »Die Mütter«, das Kirchengemeinde und Frauenausschuss des Dekanats gemeinsam veranstalten, wurden schon im Vorfeld über 200 Karten verkauft.
Guten Argumenten beugen sich die Nieder-Weiseler. Vor zwei Jahren hat der Pfarrer den Kirchenvorstand überzeugt, die gemeindeeigenen Gebäude auf Ökostrom umzustellen. Und weil er gerne über die Grenzen der Kirchengemeinde hinausdenkt, möchte er mit anderen Gemeinden eine Energie-Initiative starten. Verantwortliche aus Dekanat und Landeskirche hat er bereits ins Boot geholt: Geprüft wird, ob sich günstigere Preise mit den Ökostromanbietern aushandeln lassen, wenn sich viele Gemeinden beteiligen.

Gemeindebrief aufgepäppelt, eigene Internetseite gestartet

Auch in der Öffentlichkeitsarbeit hat sich einiges getan: Der Gemeindebrief hat ein frisches und aufgeräumtes Aussehen erhalten, ein neu gegründeter Förderverein unterstützt den Kindergartenumbau und gerade ist die eigene Internetseite an den Start gegangen. Das Traditionelle hat also ganz schön moderne Seiten.

(Diese Bilder folgen:)

Bischof Wolfgang Huber ist kürzlich in Nieder-Weisel in den Kreis der Ordensritter aufgenommen worden (Mitte). Pfarrer Carsten Tag ist bekennender Schalke-Fan (rechts). Beim Tischfußball tobt sich der Nachwuchs aus, nur die Kleinsten wirken etwas desinteressiert (oben).

 

Fotos: Annegret Rach

Einige Eckdaten über unsere Gemeinde

Die Ev. Kirchengemeinde Nieder-Weisel umfasst ca. 1500 Gemeindeglieder und liegt im gleichnamigen Dorf Nieder-Weisel. Politisch gesehen gehört zu diesem Dorf auch die Waldsiedlung, die nach dem II. Weltkrieg ca. 2 km westlich vom Dorf entfernt gegründet wurde. Kirchlicherseits gehört die Waldsiedlung jedoch zur Markusgemeinde in Butzbach/Kernstadt. Das führt bei Kirchenmitgliedern, die zum Beispiel nach einem Patenschein fragen, verständlicherweise immer mal wieder zu Mißverständnissen.

Die Ev. Kirchengemeinde ist neben der Johanniter-Unfall-Hilfe mit der größte Arbeitgeber im Dorf: Neben einer Gemeindesekretärin, einer Hausmeisterin, einer Reinigungskraft, einer Organistin und dem Küsterehepaar (alle auf 400 € Basis) sind es noch zwischen 11-13 Personen, die im Ev. Kindergarten arbeiten. Zusätzlich bilden wir im Ev. Kindergarten als einem zertifizierten Ausbildungsbetrieb regelmäßig Erzieherinnen aus.

Zur Kirchengemeinde gehört eine 1,0 Pfarrstelle und mit der Pfarrkirche eine Predigtstelle. Die Pfarrstelle ist seit April 2000 mit Pfarrer Carsten Tag besetzt.

Zu unserer Kirchengemeinde gehören insgesamt 4 Gebäude: Neben der Pfarrkirche an der Butzbacher Straße sind dies der Ev. Kindergarten (Am Haingraben 20), das Pfarrhaus mit dem Pfarr- und dem Gemeindebüro (in der Hausbergstrasse 6) und der Gemeindesaal (auf dem Kirchplatz). Zusätzlich nutzen wir noch Räumlichkeiten im Alten Schulhaus, die neben dem Gemeindesaal auf dem Kirchplatz liegen.

 

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